Wir alle haben schon einmal eine Bemerkung dieser Art gehört: „Das ist wirklich seltsam“ oder „Mal ehrlich, man muss schon ein Problem haben, um das zu mögen“. Genau das nennt man Kinkshaming.
Wenn es um Sexualität geht, werden oft sehr schnell Urteile gefällt. Es reicht schon, wenn eine Fantasie, eine Spielart oder eine Vorliebe ein wenig von dem abweicht, was als „normal“ gilt, um es sich erlauben zu können, sich darüber lustig zu machen, mit den Augen zu rollen oder die betreffende Person als seltsam oder gar gestört darzustellen.
Das Problem ist, dass eine Bemerkung, die als einfacher Scherz gemeint ist, mehr Auswirkungen haben kann, als man denkt. Sie kann Schamgefühle auslösen, dazu führen, dass man bestimmte Wünsche für sich behält, den Eindruck vermitteln, dass diese nicht legitim sind, und manchmal eine echte Unsicherheit gegenüber der eigenen Sexualität hervorrufen.
Der Begriff Kink bezeichnet eine sexuelle Vorliebe, eine Fantasie oder eine Sexpraktik, die von den gängigen Normen abweicht. Dabei kann es sich um Rollenspiele, bestimmte Dominanzdynamiken, Voyeurismus, die Nutzung bestimmter Accessoires oder viele andere Dinge handeln. Solange alles in einem einvernehmlichen Rahmen und zwischen Erwachsenen stattfindet, gibt es keinen Grund, darin etwas Beschämendes zu sehen.
Kinkshaming beginnt in dem Moment, in dem man anfängt, jemanden wegen seiner Vorlieben zu verurteilen, lächerlich zu machen oder zu demütigen. Es muss nicht unbedingt sehr verletzend sein, um als Kinkshaming zu gelten. Eine spöttische Bemerkung, ein angewidertes Tonfall, ein kleiner passiv-aggressiver Satz oder ein abfälliger Kommentar in den sozialen Netzwerken – das reicht schon aus.
Es gibt einen echten Unterschied zwischen der Aussage: „ Das ist überhaupt nicht mein Ding“ und zu sagen: „Das ist gruselig“, „Das ist ungesund“, „Das ist seltsam“, „Da muss man sich behandeln lassen“. Der erste Satz setzt eine persönliche Grenze. Die anderen Beispiele stellen einen persönlichen Angriff dar. Denn in Sachen Sexualität verwechselt man viel zu oft das, was man selber nicht mag, mit dem, was als schlecht, abnormal oder lächerlich gilt.
Sexualität ist nach wie vor ein heikles Thema. Auch wenn heute offener über Lust, sexuelle Selbstbestimmung oder erotische Fantasien gesprochen wird, sind bestimmte Normen nach wie vor fest verankert. Es gibt das, was als „akzeptabel“, „sexy“, „romantisch“ oder „anständig“ wahrgenommen wird … und alles andere, was von diesem Bild abweicht.
Sobald eine Vorliebe auch nur ein bisschen von der Norm abweicht, kann sie Unverständnis hervorrufen oder Unbehagen auslösen. Dann ist es für viele oft einfacher, sich darüber lustig zu machen oder zu urteilen, als zu versuchen, Verständnis dafür zu entwickeln.
Auch die Erziehung spielt eine Rolle. Wenn man mit der Vorstellung aufwächst, dass es beim Ausleben der Sexualität ein Richtig und ein Falsch gibt, kann alles, was aus diesem Rahmen fällt, schnell seltsam, übertrieben oder beunruhigend wirken. Kulturelle Vorstellungen, Klischees und moralisierende Diskurse verstärken diese Sichtweise. Manchmal ist es einfach der Mangel an Informationen, der diese Reaktionen schürt.
Der Unterschied liegt letztendlich darin, wie man darüber spricht. Zu sagen „Das ist nicht mein Ding“ oder „Das reizt mich nicht“, bedeutet, eine persönliche Vorliebe auszudrücken. Zu sagen „Kein normaler Mensch kann darauf stehen“, ist etwas anderes: Man spricht nicht mehr über den eigenen Geschmack, sondern urteilt über den der anderen.
Kinkshaming kann weitreichende Auswirkungen darauf haben, wie eine Person ihre Sexualität auslebt. Durch die ständige Angst davor, verurteilt zu werden oder durch das Hinterfragen, ob die eigenen Vorlieben „normal“ sind, fällt es manchen schwer, sich gehen zu lassen und den Moment in vollen Zügen zu genießen. Dieser Druck kann insbesondere eine Form von sexuellen Ängsten schüren, verbunden mit der Furcht, den Partner oder die Partnerin zu enttäuschen, den Erwartungen nicht gerecht zu werden oder nicht den Vorstellungen des anderen zu entsprechen.
Bei manchen Menschen kann sich dieser Stress auch auf die sexuelle Reaktion selbst auswirken. Schwierigkeiten wie Erektionsstörungen, eine verminderte Libido oder Probleme, einen Orgasmus zu erreichen, können manchmal durch Ängste, Druck oder die Furcht vor dem Blick anderer verstärkt werden.
Die Möglichkeit, ohne Scham über die eigenen Wünsche und Vorlieben zu sprechen, löst natürlich nicht alle Probleme, trägt aber dazu bei, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen. Ein erfülltes Sexleben bedeutet nicht, einer Norm zu entsprechen: Es beruht vor allem auf Vertrauen, Respekt, sexueller Selbstbestimmung und der Möglichkeit, mit Partner oder Partnerin ganz man selbst zu sein.
Zunächst einmal ist es wichtig, zwischen einer reinen Fantasie und einer Vorliebe zu unterscheiden, die man tatsächlich ausleben möchte. Die Vorstellung allein kann schon aufregend genug sein, ohne dass man sie wirklich ausleben möchte. Ebenso sagt die Neugier auf eine bestimmte Spielart oder die Freude daran nichts über die gesamte Sexualität aus und macht jemanden nicht automatisch zu einer Person mit „extremen“ oder „außergewöhnlichen“ Neigungen.
Wenn man für sich geklärt hat, welche Vorlieben man tatsächlich ausleben möchte, steht ein Gespräch mit Partnerin oder Partner an. Dabei spielt der Zeitpunkt eine wichtige Rolle. Am besten wählen Sie dafür einen ruhigen, stressfreien Rahmen, anstatt das Thema mitten beim Sex oder während eines Streits anzusprechen. So kann das Gespräch natürlicher verlaufen, und jeder hat die Möglichkeit, auszudrücken, was ihm gefällt, was ihn fasziniert, aber auch was Bedenken auslöst und was an die eigenen Grenzen geht.
Es ist übrigens nicht notwendig, sofort eine klare Antwort zu bekommen. Man kann neugierig sein, ohne bereit zu sein, es selbst auszuprobieren. Man kann bestimmte Dinge akzeptieren, andere aber nicht, oder einfach Zeit brauchen, um herauszufinden, wie man wirklich dazu steht. Wünsche und Grenzen können sich auch weiterentwickeln, vorausgesetzt, jeder kann sie frei äußern.
Ein erfülltes Sexleben setzt also nicht voraus, dass man genau dieselben Wünsche hat. Was zählt, ist, über die Unterschiede bei den Vorlieben sprechen zu können – ohne Spott, Druck oder Schuldgefühlen ausgesetzt zu sein –, in dem Bewusstsein, dass es jedem freisteht, einen Wunsch zu äußern, ihn zu teilen oder nicht.
Sexuelle Selbstbestimmung, gegenseitiger Respekt und Sicherheit bleiben die wesentlichen Aspekte bei alldem. Sie sind es, die darüber entscheiden, ob eine Vorliebe auf gesunde Art und Weise ausgelebt werden kann – weit mehr als die Frage, ob diese Vorliebe der Norm entspricht oder eben nicht. Ein Wunsch oder eine Vorliebe muss nicht von der Mehrheit geteilt werden, um legitim zu sein, solange er einvernehmlich agierende Erwachsene betrifft und die Grenzen jedes Einzelnen respektiert werden.
Kinkshaming ist mehr, als eine etwas abfällige Meinung über die Vorlieben anderer zu haben. Es ist die Art und Weise, eine andere Person dafür zu beschämen, was sie reizt, wovon sie träumt oder was sie fasziniert. Und in einem so intimen Bereich wie der Sexualität kann diese Art von Urteil weitaus mehr Schaden anrichten, als man sich vorstellen kann.
Man muss nicht dieselben Wünsche und Vorlieben haben, um sich gegenseitig zu respektieren. Man muss nicht alles verstehen, um sich nicht gegenseitig zu verachten. Und man hat ganz klar nichts davon, die große Bandbreite an erotischen Vorlieben in einen Wettbewerb um Normalität zu setzen.