In diesem Monat begrüßen wir in unserem Experten-Team Élise Virolleaud. In ihrem ersten Artikel befasst sie sich mit dem Phänomen Chemsex: den Ursprüngen, Hintergründen, Risiken und Ansätzen zur Risikominderung.
Der Begriff Chemsex, ein Kofferwort aus dem englischen Adjektiv chemical und dem Wort Sex, bedeutet wörtlich so viel wie chemischer Sex oder Sex unter dem Einfluss von chemischen Substanzen. Er bezeichnet also den Konsum psychoaktiver Substanzen im spezifischen Kontext sexueller Handlungen. Diese bewusste Einnahme von Substanzen zielt darauf ab, das sexuelle Vergnügen und die sexuelle Leistungsfähigkeit zu intensivieren, zu steigern und zu verlängern.
In den 2000er Jahren tauchte der Begriff Chemsex in schwulen Kreisen und in der MSM-Community (Männer, die Sex mit Männern haben) auf, um sexuelle Vorlieben und Praktiken zu beschreiben, die unter dem Einfluss von Substanzen ausgeübt werden (Stuart, 2019).
Das Ausmaß lässt sich nach wie vor nur schwer beziffern. Nach Angaben des französischen Instituts für Drogen und Suchttrends (Observatoire français des drogues et des tendances addictives - OFDT) aus dem Jahr 2024 praktizierten im Jahr 2023 13 bis 14 % der MSM Chemsex. In einem von zwei aufeinanderfolgenden Berichten zu diesem Thema, die im Rahmen des französischen Fahrplans zur sexuellen Gesundheit 2021–2024 erstellt und von Amine Benyamina, dem Vorsitzenden des französischen Vereins Addictions France, vorgelegt wurden, geben etwa 22 % der MSM an, bereits Chemsex praktiziert zu haben.
Auch wenn Chemsex im Bereich der öffentlichen Gesundheit zunehmend Beachtung findet, darf nicht vergessen werden, dass Chemsex für die Menschen, die ihn praktizieren, in erster Linie ein Symbol für Begegnung, Verbundenheit und Spaß ist. Für viele schwule, bisexuelle und MSM-Männer stellt Chemsex zudem einen Raum dar, in dem sie sich von gesellschaftlichen Normen und Zwängen befreien können – eine Möglichkeit, eine intensive und ungezwungene Sexualität zu leben, jenseits der vorherrschenden Rollenbilder und Stigmatisierungen, die den Sex zwischen Männern belasten.
Der sexualisierte Drogenkonsum ist ein Phänomen, das auch in der Allgemeinbevölkerung zu beobachten ist (insbesondere was den Konsum von Alkohol und Cannabis angeht). Der Konsum psychotroper Substanzen zur Steigerung des sexuellen Vergnügens oder zur Behandlung von Erektionsstörungen ist seit jeher in allen sozialen Gruppen anzutreffen (Levy und Garnier, 2006; Toates, 2014).
Chemsex jedoch ist Teil der Geschichte einer ganz spezifischen Community, der von schwulen, bisexuellen Männern und Männern, die Sex mit Männern haben. Um das Phänomen Chemsex bestmöglich zu erfassen, ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass bestimmte Besonderheiten von schwulem Sex und schwuler Kultur diese Praxis prägen. Diese Besonderheiten sind Teil einer multifaktoriellen Dimension, die die Wahrnehmung von Sex zwischen Männern maßgeblich beeinflusst hat (Stuart, 2019).
In diesem Zusammenhang muss insbesonders die Gesetzgebung erwähnt werden, die lange Zeit die männliche Homosexualität regelte. Heute ist Homosexualität in Deutschland vollständig legal und gleichgestellt. Der frühere Paragraph 175 StGB, der gleichgeschlechtliche Handlungen unter Männern über ein Jahrhundert lang unter Strafe stellte, wurde 1994 endgültig abgeschafft. Ebenso wichtig ist es, den Einfluss religiöser Dogmen auf den gesellschaftlichen Umgang mit Homosexuellen zu berücksichtigen. Ein weiterer entscheidender Aspekt ist das Auftreten von AIDS in den 1980er Jahren. So ist die Vorstellung weit verbreitet, dass die homosexuelle Community für die Verbreitung von AIDS durch die Infektion durch das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) verantwortlich sei (Bagmigboye & McKay, 1986). Damals als „Schwulenkrebs“ oder „Homosexuellenpest“ bezeichnet, hinterließen die 40.000 registrierten Todesfälle ein tiefes Trauma in der LGBTQIA+-Gemeinschaft.
Sex zwischen Männern galt lange Zeit als „ekelhaft“, „schmutzig“, „unrein“ und „widernatürlich“ und ist von schweren und hartnäckigen Stigmata geprägt, die sich über die Jahrhunderte hinweg erhalten haben und insbesondere durch die Tatsache fortbestehen, dass es sich um eine Minderheit handelt. Es ist daher nicht überraschend, dass das Phänomen Chemsex in der Schwulenszene, die auch in der heutigen Zeit noch von diesem kulturellen und sozialen Erbe und den damit verbundenen Stigmata geprägt ist, auftritt.
Der Chemsex-Trend geht einher mit dem Aufkommen neuer Formen der Kontaktaufnahme (Dating-Websites und standortbezogene mobile Apps) sowie neuer Drogen, insbesondere neuer psychoaktiver Stoffe (NPS) (EMCDDA, 2015).
Zwei Hauptfaktoren lassen sich als Hintergrund für das jüngste Auftreten von Chemsex anführen. Zum einen ermöglichen Dating-Apps, die Standortdaten nutzen, die sofortige Suche nach Sexualpartnern in unmittelbarer geografischer Nähe. Bereits ab 2010 ging die Frequentierung der Partyszene zugunsten von Partys in privaten Wohnungen zurück (OFDT, 2024). Das Aufkommen dieser Apps hat zu einem tiefgreifenden Wandel der Art und Weise geführt, wie Menschen sich kennenlernen und Beziehungen eingehen, insbesondere in der schwulen Community. Laut einem Bericht über Chemsex gibt ein Teil der Nutzer an, die Chemsex-Kultur als Reaktion auf das allmähliche Verschwinden nicht-sexueller Kommunikation im Zeitalter digitaler Apps zu pflegen, wobei der Konsum von Substanzen zusätzlich eine Funktion der sozialen Enthemmung erfüllt (Bericht über Chemsex von 2022, koordiniert von Prof. Amine Benyamina).
Andererseits steht dieser Trend im Zusammenhang mit dem Aufkommen neuer psychoaktiver Stoffe (NPS) auf dem Drogenmarkt, die auf den ersten Blick von einer rechtlichen Grauzone profitieren, die es ermöglicht, sie über das Internet direkt nach Hause zu bestellen. NPS ahmen dank neuer, in Laboren hergestellter synthetischer Moleküle die chemischen Strukturen und Wirkungen illegaler Drogen nach. Nach Angaben des OFDT wurden in Europa seit 1997 mehr als 897 neue psychoaktive Stoffe identifiziert. In Frankreich handelt es sich dabei vor allem um Cathinone (3-MMC, 4-MMC, 3-CMC, NEP usw.), also stimulierende Substanzen mit empathogenen Eigenschaften und Wirkungen für ein Gefühl von Empathie und Verlangen nach emotionaler und körperlicher Nähe.
Es lässt sich also eine Art Dreiklang beobachten, bestehend aus psychoaktiven Substanzen einerseits und Sexualität einschließlich Dating-Apps andererseits.
Wie oben beschrieben, handelt es sich hierbei um die beim Chemsex am häufigsten verwendeten Substanzen. Sie gehören zur Familie der Stimulanzien und Empathogene. Ihre im sexuellen Kontext angestrebten Wirkungen sind vielfältig: Steigerung des Verlangens und des Gefühls von sexueller Erregung, Enthemmung, Euphorie und Wohlbefinden, Steigerung der körperlichen Ausdauer sowie ein intensives Verlangen nach körperlicher und emotionaler Nähe zu anderen Personen. Sie erleichtern ausgedehnte sexuelle Handlungen und mehrere sexuelle Begegnungen hintereinander.
GBL ist eine Vorläufersubstanz von GHB. Diese als Lösungsmittel verwendete Chemikalie wird bei oraler Einnahme in der Leber zu GHB umgewandelt. Es handelt sich um Substanzen, die das zentrale Nervensystem stark dämpfen, und zwar auf zwei Ebenen: Sie wirken euphorisierend und amnestisch. Im sexuellen Kontext führen sie in geringer Dosierung zu einem Gefühl der Euphorie, Enthemmung und einer tiefen Muskelentspannung, was bestimmte penetrative Praktiken, insbesondere Fisting, erleichtert. Außerdem steigern sie die taktile Empfindlichkeit und das sexuelle Verlangen. Vor allem ihre muskelentspannende Wirkung in Kombination mit der Enthemmung erklärt ihre Beliebtheit beim Chemsex.
Als starkes Stimulans wird es wegen der euphorisierenden Wirkung, der Stärkung des Selbstvertrauens und der Steigerung des Energielevels eingesetzt. Es hilft, die Ejakulation hinauszuzögern, steigert das Verlangen und baut gleichzeitig soziale und sexuelle Hemmungen ab.
MDMA hat starke empathogene Wirkungen für ein Gefühl von Liebe und intensiver Verbundenheit mit dem Gegenüber, eine gesteigerte taktile und sensorische Empfindsamkeit sowie Enthemmung. Es ist weniger spezifisch für Chemsex geeignet als Cathinone, ist aber in der Partyszene nach wie vor weit verbreitet.
Ketamin ist ein dissoziatives Betäubungsmittel, das in der Partyszene wegen seiner dissoziativen Wirkung und der Veränderung der Körperwahrnehmung konsumiert wird. Im sexuellen Kontext kann es Praktiken erleichtern, die eine erhebliche körperliche und psychische Entspannung erfordern, und veränderte Bewusstseinszustände hervorrufen, die zur Intensivierung bestimmter Sinneserfahrungen angestrebt werden. Der Konsum von Ketamin im Rahmen von Chemsex ist eher selten, nimmt jedoch zu.
Über die pharmakologischen Wirkungen hinaus erfüllen diese Substanzen jeweils spezifische Bedürfnisse – Enthemmung, Ausdauer, emotionale Verbundenheit, körperliche Entspannung –, die die für die MSM-Community typischen psychosozialen Dynamiken widerspiegeln: die Last des Stigmas, den Minderheitenstress und die Schwierigkeit, eine erfüllte und entstigmatisierte Sexualität zu leben.
Die im Rahmen von Chemsex verwendeten Substanzen können auf verschiedene Arten konsumiert werden: oral (auch Parachuting oder Bombing genannt), nasal (über das so genannte Sniffen), rektal (auch bekannt unter Booty Bumping oder Booty Bomb) oder intravenös (auch unter der Bezeichnung Slamming, Spritzen bzw. i.V. bekannt). Jede Konsumform hat einen Einfluss auf die Wirkungsgeschwindigkeit und die Intensität der Effekte und birgt spezifische Risiken. Das gemeinsame Benutzen von Ziehröhrchen beim Sniffen birgt das Risiko einer Übertragung von Hepatitis B und C, während das gemeinsame Benutzen von Spritzen zudem das Risiko einer HIV-Übertragung mit sich bringt, wodurch Slamming zur risikoreichsten Konsumform wird.
Es ist wichtig zu beachten, dass der Mischkonsum, also die gleichzeitige oder aufeinanderfolgende Einnahme mehrerer Substanzen – im Zusammenhang mit Chemsex häufig vorkommt und dadurch die Risiken, die mit jeder einzelnen Substanz verbunden sind, vervielfacht werden.
Der Konsum und vor allem der Mischkonsum von Substanzen kann zu sexuellen Funktionsstörungen führen. Die häufigsten Beschwerden bei Chemsex-Konsumenten betreffen die Erektionsfähigkeit, Schwierigkeiten beim Erreichen eines Orgasmus (Anorgasmie), Ejakulationsstörungen und eine verminderte sexuelle Befriedigung. Die Einnahme von PDE5-Hemmern (Phosphodiesterase-Typ-5-Hemmer) wie Viagra und Tadalafil, um den Auswirkungen der Substanzen auf Erektions- und Erregungsstörungen während der Sessions entgegenzuwirken, ist bei Konsumenten häufig (Papazian und Miele, 2026).
Die Vielfalt der konsumierten Substanzen, ihre Konsumformen und die Häufigkeit des Mischkonsums im Rahmen von Chemsex zeichnen ein spezifisches Risikoprofil nach, das sich an der Schnittstelle zwischen den Risiken des Drogenkonsums und den Risiken sexueller Praktiken befindet.
In den letzten fünfzehn Jahren hat das Phänomen Chemsex sowohl in den Medien als auch im Bereich der öffentlichen Gesundheit deutlich an Aufmerksamkeit gewonnen. Seit 2010 berichten Fachkräfte aus den Bereichen Suchtmedizin und sexuelle Gesundheit von einer Zunahme gesundheitlicher Probleme (Vergiftungen und Überdosierungen, Abhängigkeiten, psychische Störungen, Leberinfektionen usw.) durch Chemsex (OFDT, 2024). Dieses neue und komplexe Phänomen ist eine echte Herausforderung für die öffentliche Gesundheit.
Einerseits bestehen direkte Risiken im Zusammenhang mit den beim Chemsex konsumierten Substanzen, darunter Überdosierung und Vergiftung, die bis zu Bewusstlosigkeit oder sogar einem Koma führen können. Das gilt insbesondere für GHB/GBL, dessen therapeutisches Fenster sehr eng ist. So spricht man von einem G-Hole, wenn eine akute GHB/GBL-Vergiftung zu Krämpfen und Bewusstlosigkeit führt. Zudem besteht bei Mischkonsum ein erhöhtes Risiko für Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Substanzen. Alkohol führt zu zahlreichen unerwünschten Wechselwirkungen, insbesondere mit GHB/GBL und Ketamin. Zudem besteht ein kardiovaskuläres Risiko bei der Kombination von Poppers und PDE5-Hemmern.
Langfristig kann der wiederholte Konsum dieser Substanzen zu Abhängigkeit, Entzugserscheinungen, psychischen Störungen (Psychosen, Paranoia, dissoziative Episoden) sowie allgemein zu psychischen Gesundheitsproblemen und psychosozialen Schwierigkeiten führen.
Andererseits sind sexuelle Praktiken im Rahmen von Chemsex mit spezifischen Risiken hinsichtlich sexuell übertragbarer Infektionen (STI) verbunden, wie HIV, Hepatitis B und C, Gonorrhö, Syphilis, Chlamydien, Mpox. Die Wirkungen der konsumierten Substanzen wie Enthemmung, Beeinträchtigung des Urteilsvermögens und Muskelentspannung führen automatisch dazu, dass Schutzmaßnahmen seltener angewendet werden. Kondome werden weniger konsequent oder gar nicht verwendet und bestimmte intensive Sexpraktiken – insbesondere Fisting – können die Schleimhäute traumatisieren und werden durch die Wirkung der Substanzen begünstigt, was die Ansteckungsgefahr für STI weiter erhöht.
Zudem beeinträchtigen die Auswirkungen der Substanzen auf die kognitiven Fähigkeiten die Fähigkeit, sich selbstbestimmt und bewusst für sexuelle Handlungen zu entscheiden oder diese Entscheidung zu widerrufen, wodurch die Betroffenen Situationen sexueller Gewalt ausgesetzt sind, die zum Zeitpunkt des Geschehens nicht immer als solche erkannt und auch im Nachhinein nicht immer als solche wahrgenommen werden. Diese Risiken lassen sich nicht vom zuvor beschriebenen psychosozialen Kontext trennen: Minderheitenstress, verinnerlichte Homophobie und das Streben nach Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft können die Fähigkeit, sich zu schützen und Grenzen zu setzen, zusätzlich schwächen.
Über die unmittelbaren Risiken hinaus kann die wiederholte Ausübung von Chemsex dauerhafte Auswirkungen auf die Sexualität haben. So wird häufig von einem allmählichen Rückgang der sexuellen Befriedigung außerhalb der Chemsex-Sessions sowie von sexuellen Funktionsstörungen (Erektionsstörungen, Ejakulationsstörungen und Dysorgasmie) berichtet, die auch nach dem Absetzen der Substanzen bestehen bleiben können.
Die Auswirkungen der Substanzen auf die sexuelle Reaktion können auch zu einer Veränderung derselben führen: Die Erregungs- und Plateauphase verlängert sich unter dem Einfluss der Substanzen tendenziell, was eine Art Konditionierung hervorruft, die den Zugang zu Lust und Orgasmus in einem substanzfreien sexuellen Kontext erschweren kann.
Allgemeiner betrachtet kann die wiederholte Ausübung von Chemsex zu einer Veränderung der sexuellen Skripte führen, also der Art und Weise, wie man sich die eigene Sexualität vorstellt und wie man sie erlebt. Sexualität ohne Substanzen kann nach und nach weniger intensiv, weniger erstrebenswert oder sogar undenkbar erscheinen, wodurch eine funktionale Abhängigkeit vom Chemsex entsteht, die über die rein suchterzeugende Wirkung der Substanzen hinausgeht. Dies ist einer der komplexesten Aspekte, da er die sexuelle Identität selbst betrifft.
Standortbasierte Dating-Apps
stellen einen besonders wichtigen Zugangsweg zu Chemsex dar. Sie ermöglichen es, zu jeder Zeit Sexualpartner zu finden, ohne sich an Party- oder Treffpunkten aufhalten zu müssen. Dieser einfache Zugang erleichtert den Einstieg in diese Praxis und kann schnell zu einem Konsum führen, der als problematisch empfunden wird.
Über den Zugang zu Chemsex-Sessions hinaus stellen diese Apps für viele MSM einen zentralen Ort der Sozialisierung dar. Die französische Psychiaterin und Suchtmedizinerin Dr. Maé Ilieff betont in diesem Zusammenhang, dass Dating-Apps für MSM ein wichtiger Ort der Sozialisierung sind (auch außerhalb des sexuellen Kontexts). Sie weist darauf hin, dass es schwierig ist, aus dem Chemsex auszusteigen, ohne sich zumindest teilweise von den Apps zu distanzieren, da diese für sehr starke Reize sorgen, die ein Craving (Verlangen) auslösen. Das verdeutlicht ein interessantes Paradoxon: Digitale Werkzeuge erschweren den Ausstieg aus einer Praxis, zu der sie den Hauptzugang darstellen. In einer Zeit, in der Apps die physischen Begegnungsräume weitgehend verdrängt haben, ist die Existenz von Räumen, die einer Gemeinschaft die soziale und emotionale Interaktionen außerhalb eines sexuellen Kontexts ermöglichen, umso wichtiger, um konkrete Alternativen zu ausschließlich digitalen Werkzeugen zu bieten.
Was die Risiken betrifft, so führt die Begegnung mit Fremden im Zusammenhang mit dem Konsum von Substanzen zu einer besonderen Gefährdung: Beeinträchtigung des Urteilsvermögens, Schwierigkeiten bei der Einschätzung der Situation und der Personen, Gefährdung durch Gewalt, Vergewaltigung oder sexueller Missbrauch.
Die paradoxe Isolation, die diese Apps hervorrufen können – sexuelle Hypersozialisierung bei gleichzeitiger Verarmung emotionaler und nicht-sexueller Bindungen – bildet zudem einen fruchtbaren Nährboden für die Entstehung einer Abhängigkeit, sowohl von den Substanzen als auch von den Apps selbst.
Chemsex befindet sich also am Schnittpunkt dreier Risikofaktoren – Substanzen, sexuelle Praktiken, Dating-Apps –, die nicht nur zusammenkommen, sondern sich gegenseitig verstärken und befeuern. Genau diese intersektionale Dimension macht die Komplexität und Besonderheit von Chemsex als Thema der öffentlichen Gesundheit aus. Der Minderheitenstress und die tief verankerten Traumata durch die Kriminalisierung von Homosexualität, die HIV-Epidemie und die Stigmatisierung bilden nicht nur einen Kontext: Sie sind ein Vulnerabilitätsfaktor, der sich durch alle Risikobereiche zieht und die Fähigkeit, sich daraus zu befreien, erschwert. Die HIV-Präexpositionsprophylaxe PrEP, ein bedeutender wissenschaftlicher Fortschritt in der HIV-Prävention, hat in bestimmten Kontexten möglicherweise zu einer Verharmlosung anderer sexuell übertragbarer Infektionen geführt. Schließlich kann der Ausstieg aus dem Chemsex auch bedeuten, sich aus einem Raum der Sozialisierung und der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft zurückzuziehen, was die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen besonders komplex macht und die Notwendigkeit eines risikomindernden Ansatzes verdeutlicht, der nicht nur den Substanzkonsum, sondern auch den psychosozialen Kontext, in den dieser eingebettet ist, berücksichtigt.
Angesichts der Komplexität und der Verflechtung dieser Risiken stellt sich die Frage nach der Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen in einem ganz besonderen Kontext: Es ist nicht immer einfach anzuerkennen, dass die eigene Praxis über das hinausgeht, was man sich ursprünglich gewünscht hat – insbesondere in einem Umfeld, in dem Chemsex auch ein Raum der Sozialisierung, des Vergnügens und der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft ist. Genau hier setzt der Ansatz der Risiko- und Schadensminderung an – nicht als Aufforderung zur Abstinenz, sondern als eine Reihe konkreter Leitlinien für einen sichereren Umgang mit Chemsex, um Warnsignale besser zu erkennen und gegebenenfalls geeignete Hilfsangebote zu finden.
Ohne zu urteilen und zu Abstinenz auffordern zu wollen, finden Sie hier einige konkrete Hinweise, um die mit Chemsex verbundenen Risiken zu verringern.
Machen Sie sich im Vorfeld Gedanken über die eigenen Wünsche und die gewünschten Praktiken und teilen Sie diese den Partnern mit, bevor die Wirkung der Substanzen einsetzt. Wenn möglich, wählen Sie bekannte Orte und vertrauenswürdige Personen, die im Notfall schnell reagieren können. Vermeiden Sie es, allein mit Unbekannten zu sein, oder informieren Sie andernfalls Ihre Angehörigen. Kleine Vorsichtsmaßnahmen, wie ausgeruht zu sein, gut gegessen zu haben und ausreichend Flüssigkeit zu sich genommen zu haben, sind einfach und unkompliziert und tragen dazu bei, dass Sie in guter Verfassung in eine Session starten.
Planen Sie Pausen ein, denken Sie an die Flüssigkeitszufuhr und strecken Sie die Einnahmeabstände so weit wie möglich. Am besten notieren Sie sich die Zeiten. Das gilt besonders für GHB/GBL, wo der Spielraum zwischen gewünschter Wirkung und Überdosierung sehr gering ist. Vermeiden Sie den gleichzeitigen Konsum mehrerer Substanzen und berücksichtigen Sie Wechselwirkungen zwischen den Substanzen. Kombinieren Sie GHB/GBL niemals mit Alkohol. Verwenden Sie ausschließlich Einwegmaterial und halten Sie Kondome und Gleitmittel bereit.
Hinterher ist es wichtig, sich auszuruhen, etwas zu essen und ausreichend zu trinken. Bei risikoreichem Sexualverhalten kann innerhalb von maximal 48 Stunden in den PEP-Stellen bestimmter Kliniken eine PEP-Behandlung (Post-Expositionsprophylaxe gegen HIV) begonnen werden. Lassen Sie außerdem regelmäßig HIV- und STI-Tests durchführen und informieren Sie Ihre Sexualpartner, falls Sie sich mit einer STI angesteckt haben.
Die Auswirkungen der konsumierten Substanzen können die kognitiven Fähigkeiten und das Urteilsvermögen schrittweise – manchmal auch abrupt – beeinträchtigen. In diesem Kontext ist es wichtig zu betonen, dass die Einwilligung zu sexuellen Handlungen keine einmalige Zustimmung ist, die zu Beginn der Sitzung für deren gesamte Dauer erteilt wird: Sie muss jederzeit zum Ausdruck gebracht, widerrufen oder angepasst werden können.
Besprechen Sie vorher, welche Praktiken gewünscht sind und welche nicht. Die eigenen Wünsche und Grenzen zu äußern, bevor die Substanzen ihre Wirkung entfalten, ist nach wie vor einer der besten Schutzmechanismen. Legen Sie gemeinsam ein klares Stopp-Signal (verbal oder nonverbal) fest, das jederzeit respektiert werden muss.
Währenddessen ist es unerlässlich, immer aufmerksam zu bleiben und auf die Signale zu achten, die Ihr Gegenüber aussendet. Auch wenn das „Nein“ nicht klar und deutlich ausgesprochen wird, bedeutet das noch lange kein „Ja“, schon gar nicht unter dem Einfluss von Substanzen.
Wenn eine Situation über das hinauszugehen scheint, was zuvor – von einem selbst oder von einer oder mehreren Personen – gewünscht und festgelegt wurde, ist es wichtig, dies im Nachhinein benennen zu können, ohne es herunterzuspielen. Sexuelle Gewalt im Zusammenhang mit Chemsex ist real und rechtlich als solche anerkannt, selbst wenn sie bekannte Personen betrifft oder in einem Rahmen stattfindet, der anfangs scheinbar einvernehmlich war.
In Sachen Chemsex gibt es verschiedene Unterstützungs- und Beratungsangebote, die Sie jederzeit wahrnehmen können. Informationen dazu, welche Stellen, Vereine, Praxen und Kliniken Hilfe in Ihrer Umgebung anbieten, finden Sie im Internet. Liegt ein medizinischer Notfall vor, melden Sie diesen bitte umgehend über den Notruf.
Dieser Artikel wurde von
Élise Virolleaud
verfasst, einer staatlich geprüften Pflegefachkraft, Sexualtherapeutin und Gesundheitsmediatorin. Sie unterstützt das Team von LOVE AND VIBES mit ihrer praktischen Expertise und einem pädagogischen, inklusiven und präventionsorientierten Ansatz im Bereich der sexuellen Gesundheit.
- Le chemsex Association Addictions France.
- Chemsex, retour sur 15 ans d’usages de drogues en contexte sexuelOFDT.
- Nouveaux produits de synthèse OFDT.
- Rapport sur l'usage de drogue dans le cadre du « chemsex » Pr Amine BENYAMINA, 2022
- B. Bamigboye, P. McKay, « The last days of Rock Hudson », Daily Mail, 3 octobre 1985, p. 1: « At first only they [homosexuals] were its victims [...] The disease, which was introduced to the country [US] by "gay" men, was spread through sexual contact between homosexuals », ou l’article de). Naughtie, « Minister blames gays for spread of Aids », Guardian, 5 septembre 1986, p. 2. Il s’agit de M. McKay, ministre de la Santé écossais.
- EMCDDA (2015) Perspectives on drugs. Injection of synthetic cathinones. EMCDDA [accédé le 10/07/2017].
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- Stuart D. Chemsex: origins of the word, a history of the phenomenon and a respect to the culture. Drugs and Alcohol Today. 2019;19(1):3-10.
- Toates F. (2014) How sexual desire works: The enigmatic urge, Cambridge University Press, 512 p.